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Bei der Schwere der Schuld

Am Ende der Volksschulzeit gab es im damaligen Hamburger Schulsytem für gute Schüler noch einmal die Möglichkeit, in die Realschule überzuwechseln. Das war prima, denn die Volksschule und die Realschule befanden sich unter einem Dach. Ich kannte viele der Realschüler vom Schulhof. Man würde dann ein Jahr zurück gestuft werden – aber man hätte schließlich den Realschulabschluss – und damit viel bessere Chancen im Berufsleben. Meine Noten bewegten sich zwischen 1 und 2, jedoch in allen mathematischen Fächern um 5. Mit großer Anstrengung gelang es mir, in den mathematischen Fächern auf eine 4 zu kommen. Das gelang aufgrund meiner Rechenschwäche (Dyskalkulie) nur durch gelegentliches Abschreiben bei Klassenarbeiten. Aber es gelang. Herr von P., mein Klassenlehrer – und Mathematiklehrer -war gegen ein Überwechseln in die Realschule. „Einen Realschulabschluss schafft sie nicht, nicht bei den schlechten Noten in Mathematik!“  Ich überredete meine Eltern, einen Antrag auf den Übergang in die Realschule zu stellen. Ich schöpfte wieder Hoffnung. In der Realschule würde ich in die Klassen von Dr. U. kommen, einen hervorragenden Lehrer, der in unserer Nachbarschaft wohnte. Ich fand ihn sehr sympathisch und war mir nach einem Gespräch sicher, dass er mich fördern würde. Zum ersten Mal in meiner Schülerzeit würde jemand meine schulischen Bemühungen unterstützen und fördern. Viel später erfuhr ich, dass sich der Lehrer der Realschulklasse mit meinem Klassen- und Mathematiklehrer in der Volksschule meinetwegen gestritten hatten. „Die schafft nie und nimmer den Realschulabschluss“, meinte mein Klassenlehrer. „Doch, wenn sie sich anstrengt, kann sie das schaffen!“, meinte der Realschullehrer.

Das letzte Volksschuljahr neigte sich dem Ende zu. Noch eine Woche Schule für fast alle anderen Schüler. Außer mir. Ich wollte weitermachen. Wir sollten unsere Schulbücher abgeben. Schulbücher waren teuer und kostbar, sie wurden den Schülern nur leihweise übergeben. Wir saßen an Tischen, immer zwei Schüler nebeneinander. Jeweils zwei Schultische, dann eine Mittelgang, dann wieder zwei Schultische. So gab es mehrere Reihen hintereinander. Bücher und sonstiges Lehrmaterial brachten wir großen Schüler in Aktentaschen zur Schule. Diese Aktentaschen standen meistens weit geöffnet (damit man schnell etwas herausholen konnte) links und rechts von den Schultischen. Unser Lehrer rief die Namen der Schüler nach dem Alphabet auf, jeder ging nach vorn und gab seine Schulbücher ab. Der Lehrer hakte die Abgabe im Klassenbuch ab. Ein Junge, der einen Schultisch entfernt neben mir saß, konnte sein Mathematikbuch nicht finden. Vermutlich hatte er es zu Hause liegen gelassen. Der Lehrer machte ihm Vorhaltungen. Der Junge sollte das Buch am nächsten Tag abgeben. Dann wurde ich aufgerufen. Ich hatte alle Bücher vollzählig und gab sie ab. Der Lehrer hakte mich auf der Liste im Klassenbuch ab. Ich setzte mich wieder. Da fiel mein Blick in meine offen stehende Aktentasche. Dort lag noch ein Buch, was ich vergessen hatte. Ich holte es heraus, legte es auf den Tisch und blätterte darin. Es war mit Kugelschreiberzeichnungen verziert – das war nicht MEIN Buch gewesen. Das war vermutlich das Buch, was dem Jungen neben mir fehlte.

Ich wollte ihn gerade fragen, ob das das gesuchte Buch ist, da hatte er es auch schon gesehen und triumphierend gerufen: „Da ist es ja!“. Herr von P. hielt im Einsammeln inne. Wir sollten mit dem Buch nach vorn kommen. Ich gab Herrn von P. das Buch und sagte freundlich lächelnd: „Ich habe es gefunden!“.  Der Lehrer starrte mich an, starrte das Buch an, lief rot an presste zwischen den Lippen hervor: „DAS IST KAMERADSCHAFTSDIEBSTAHL!“ Kameradschafts- diebstahl – eine Vokabel aus der Nazizeit, aus dem Krieg – unter Soldaten war das ein besonders verwerfliches und verabscheuungswürdiges Vergehen. Es gab „Mundraub“, „Diebstahl“ und „Kameradschaftsdiebstahl“ – letzteres war durch gar nichts zu entschuldigen.

Ich war völlig verwirrt. Kameradschaftsdiebstahl?? Aber wieso? Ich hatte das Buch gefunden, auf den Tisch gelegt, aufgeschlagen und darin geblättert, um den Eigentümer festzustellen. Was hatte das mit Diebstahl zu tun und dann auch noch mit „Kameradschaftsdiebstahl“? Herr von P. stand auf und zischte mich an: „Du wolltest das Buch behalten. Das ist ein Mathematikbuch. Du wolltest in den Ferien für die Realschule üben. Aber du wolltest dafür nicht dein eigenes Buch unterschlagen, nein, du hast das Buch von deinem Klassenkameraden gestohlen. Und der konnte es hier nicht abgeben. Das ist ja ungeheuerlich!“  Mein Mund wurde trocken, ich schluckte. Was passierte hier gerade, was war geschehen? „Aber.. ich hab das nicht..“, stammelte ich. „LÜG NICHT NOCH!!“ donnerte der Lehrer. „Übermorgen kommt deine Mutter her zum Direktor!“.

Fassungslos und benommen schlich ich auf meinen Platz zurück. Alle starrten mich an. Meist misstrauisch und vorwurfsvoll. Ich war den Tränen nahe. Wie war das Buch in meine Schultasche gekommen? Vermutlich war es dem Jungen am Nachbartisch herunter gefallen. Und da unsere Aktentaschen offen direkt nebeneinander standen, war es nicht in seine Tasche, sondern in meine Tasche gerutscht. Hätte ich dieses Buch unterschlagen wollen, hätte ich es doch nicht aus meiner Tasche herausgeholt, auf den Tisch gelegt und darin geblättert? Und wieso unterstellte mir der Klassenlehrer einen „Kameradschaftsdiebstahl“ .. und der Beweis wäre durch meine Rechenschwäche erbracht? Jugendliche mit Rechenschwäche begehen auch Kameradschaftsdiebstähle, weil sie fremde Mathematikbücher stehlen? Das konnte doch so nicht wahr sein. Das würde sich alles aufklären. Ich war völlig sicher.

Heute denke ich auch, dass das Ganze vielleicht ein Streich eines Mitschülers war. So etwas kam oft vor, dass absichtlich etwas versteckt wurde – meistens einfach nur, um etwas Spannung in den langweiligen Schulalltag zu bringen. Als der „Täter“ dann merkte, was er angerichtet hatte, hielt er den Mund und klärte die Sache nicht auf. Er konnte ja nicht ahnen, was das für Folgen für mich haben würde.

Zu Hause erzählte ich meiner Mutter von der Katastrophe. Sie schaute mich kalt an. Warum ich das nicht richtiggestellt hätte. Ich sagte, ich hätte keine Chance zur Richtigstellung gehabt. Sie glaubte mir nicht. Klagte, was SIE verbrochen hätte, um mit „so einer verdammten Göre“ gestraft zu sein. „Göre“, das war ich, ihre Tochter, die Hilfe brauchte. Mein Vater hörte sich meinen Bericht an, aber äußerte sich nicht dazu. Er verließ das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu, wie er es immer machte, wenn er wütend war. Von ihm war also keine Hilfe zu erwarten. Ich war verzweifelt.

Zwei Tage später marschierte meine Mutter zum Rektor. „Es hat eine Lehrerkonferenz gegeben!“, eröffnete er ihr. „Es ist beschlossen worden, dass Ihre Tochter die Schule verlässt!“. „Das macht sie ja sowieso, die Volksschule ist doch am Ende!“, entgegnete meine Mutter. „Wir wollen Ihrer Tochter nach dieser Tat nicht die gesamte Zukunft verbauen.. aber Sie müssen einsehen, dass ihre Tochter hier an diesem Schulverbund nicht bleiben kann. Sie darf versuchen, den Realschulabschluss doch noch zu machen.. aber in einem anderen Stadtteil. Nicht hier, nicht an unserer Realschule!“ Er stand auf und gab meiner Mutter die Hand. Sie ging. Sie hatte nicht protestiert. Sie hatte nicht auf das Unrecht verwiesen, was ihrer Tochter angetan wurde. Sie hatte die falsche Anschuldigung nicht zurück gewiesen – vermutlich deshalb, weil sie selber an einen „Kameradschaftsdiebstahl“ glaubte. Unschuldsvermutung? Was ist denn das? Für mich galt das nicht. Nicht einmal die eigene Mutter glaubte mir.

Heute denke ich, mein damaliger Klassenlehrer sah in dem Vorfall mit dem Mathematikbuch eine willkommene Gelegenheit, mich doch noch loszuwerden. Er hatte sich von Anfang an gegen meinen Übergang in die Realschule ausgesprochen. Jetzt konnte er endlich beweisen, dass ich auch charakterlich nicht fähig war, eine weiterführende Schule zu besuchen. Er hatte sich gegenüber den Fachlehrern durchgesetzt, die sich wegen meiner sehr guten Noten in anderen Fächern für mich eingesetzt hatten. Warum gab es keine Anhörung der vermeintlich Schuldigen? Warum wurde ein Urteil über mich in meiner Abwesenheit gesprochen?

Ich soll froh sein, dass ich noch mal glimpflich davongekommen bin, zischte meine Mutter zu Hause. Wieso denn „glimpflich davongekommen“? Ich war nicht davongekommen. Ich war soeben von der Schule geflogen. Das bedeutete, ich würde nicht in die Klasse  dem von mir verehrten Dr. U. gehen können. Sondern ich musste morgens sehr viel früher aufstehen, um mit dem Bus in einen anderen Stadtteil zu fahren. So etwas wie „Schülerbeförderung“ gab es damals noch nicht. Eltern fuhren ihre Kinder auch nicht zur Schule oder holten sie ab. Und was ich in dem anderen Stadtteil wohl für Lehrer haben würde.. Mir graute.

Zu Recht graute mir. Eine alte, muffige Schule. Die Klassenlehrerin entpuppte sich als eine dürre, ältliche Frau mit verkniffenem Gesichtsausdruck. Meine Mutter brachte mich am ersten Schultag zur neuen Schule, zur Realschule. Wir standen zu dritt auf dem Flur vor dem Klassenzimmer. Die Lehrerin musterte mich schweigend und misstrauisch. Dann sprach sie leise mit meiner Mutter. „Bei der Schwere der Schuld.. ich weiß nicht, ob wir ihrer Tochter einen Gefallen tun mit der Realschule!“. Ich fasste es nicht. Wieso denn „Bei der Schwere der Schuld“? Was für eine Schuld??? Das war ja gar keine Chance. Meine alte Schule hatte einen Bericht über den Schulverweis an die neue Schule geschickt und dort würde ich von vornherein als Diebin – „Kameradschaftsdiebin“ – abgestempelt sein. Mir wurde ganz schlecht und ich hatte die schlimmsten Befürchtungen.

Die Befürchtungen bestätigten sich. Die Klassenlehrerin gab mir keine Chance. Sie wollte mich so schnell wie möglich wieder loswerden. Das machte sie dadurch, dass sie meine Wortmeldungen im Unterricht geflissentlich übersah und meine schriftlichen Arbeiten absichtlich schlecht zensierte. Bei Klassenarbeiten wurde ich härter und kritischer beurteilt als alle übrigen Schüler. Ich kämpfte. Aber ich hatte keine Chance. Das erste Zeugnis bestand aus „mangelhaft“ und „ungenügend“.  Meine Eltern hatten es ja gleich gewusst. Ich schaffe das NIE. Aber ich wusste ja alles besser.  

Erst kämpfte ich noch, übte zu Hause bis in die Nacht.. dann sah ich ein, dass alles vergebens war. In meinem Umfeld hatte es sich bald herumgesprochen, dass ich eine Diebin war. Eine „Kameradschaftsdiebin“ dazu, dass ich von der Schule geflogen war. Meine ehemaligen Klassenkameraden hatten es zu Hause erzählt, ihre Mütter wussten davon und warfen meiner Mutter beim Einkaufen mitleidig-überhebliche Blicke zu. Meine Mutter schimpfte und nörgelte mit mir nur noch herum. Die häusliche und schulische Situation wurde unerträglich. Ich hatte niemand auf der Welt, an den ich mich wenden konnte. So etwas wie Vertrauenslehrer oder Sozialpädagogen oder einen Schulpsychiatrischen Dienst gab es nicht.

Ich versank in schlimme Depressionen und gab auf.  Sie hatten gesiegt, die Lehrer, das Schulsystem, es gab keine Chance für jemand wie mich.

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