Ein sonniger Tag im April. Einschulung. Das kleine Mädchen war in ein hübsches, aber sehr unbequemes Kleid gesteckt worden und ermahnt worden, es nicht schmutzig zu machen. Das Haar war straff zurück gekämmt worden, gedreht und aufgesteckt. Es ziepte am Kopf. Die neuen „vernünftigen“ Schnürschuhe drückten. Der Schulranzen war neu und aus Leder und an sich schon vom Eigengewicht viel zu schwer für das Kind. Aber.. da war ja noch die Schultüte. Eine rote Schultüte, die oben mit weißem Papier zugebunden war. Das Kind trug den ganzen Weg zur Schule diese Schultüte. Und den Ranzen. Mutter und Großmutter gingen neben dem Kind und unterhielten sich. „Gott sei Dank fängt endlich die Schule für das dumme Gör an“, sagte die Mutter. Sie sprachen nicht mit dem Kind, das Kind lief nebenher und schleppte die Schultüte. Der Weg erschien dem Kind sehr lang. Natürlich war der Vater in der Firma. Wie immer. Nicht zu denken, dass er sich etwa für die Einschulung seines einzigen Kindes frei genommen hätte und Kind, Mutter und Schwiegermutter mit dem Auto zur Schule gefahren hätte.
In der Klasse – die Kinder suchten sich ihre Plätze aus. Das kleine Mädchen setzte sich vorsichtshalber ganz nach hinten, weit weg von der Lehrerin. Das Kind hatte ja bereits schlechte Erfahrungen mit dem Rektor bei der Einschulung gemacht (siehe „Schuleignungstest“). An der Wand standen Stühle für die Eltern. Dort saßen dicht gedrängt Mutter und Großmutter und die anderen Eltern, hier war oft auch der Vater mitgekommen. Die Lehrerin fragte, welches der Kinder ein Lied singen oder ein Gedicht vortragen
könne. Einige Kinder meldeten sich und trugen etwas vor. Deren Eltern strahlten vor Stolz. Die Lehrerin lobte. Das kleine Mädchen war stumm. Das erschien ihm sicherer. Es fragte sich, was wohl in der Schultüte wäre. Mutter und Großmutter hatten aber verboten, die Schleife zu öffnen, mit dem das Papier oben auf der Tüte zusammengebunden war. Die Tüte war so schwer, ob da wohl lauter Süßigkeiten drin waren, Bonbons und Schokolade? Süßigkeiten gab es in dem Vegetarierhaushalt nur zum Geburtstag und zu Weihnachten. Das Kind bekam noch kein Taschengeld und konnte sich deshalb keine Süßigkeiten kaufen.
Endlich war diese allererste Schulstunde vorüber. Die Kinder durften nach Hause gehen.
Auf dem gesamten Heimweg machte die Mutter ihrer Tochter Vorhaltungen. Wieso hätte sie sich nicht gemeldet und kein Lied gesungen oder ein Gedicht vorgetragen. Wozu haben die Eltern eigentlich den teuren evangelischen Privatkindergarten für das Kind bezahlt, wenn es dann in der Schule nichts sagt und es vorzieht zu schweigen? „Du singst doch so oft Lieder und du kannst doch so viele Gedichte, dann mach gefälligst den Mund auf!“ Das Mädchen war zutiefst erschrocken. Die neue Umgebung, der Klassenraum, die fremden anderen Schüler, die Eltern im Nacken – alles hatte es eingeschüchtert. Es hatte sich vor Beklemmung und Angst an keinen einzigen Liedtext und kein Gedicht erinnern können, auch an kein Gebet. Aber das war auch nicht gefragt worden. Das Kind stellte fest, es hatte versagt.
Aber da war ja noch die schwere Schultüte. „Eigentlich hast du die gar nicht verdient!“ Die Mutter war zornig. Das Mädchen öffnete endlich daheim im Wohnzimmer die Tüte. Oben lag eine Federtasche und vier Buntstifte. Und drei Schreibhefte. Und dann gab es eine kleine Stange Rahmbonbons – insgesamt vier Stück, jedes in Papier eingepackt. Zu 20 Pfennig. Das konnte ja wohl nicht alles sein. Das Kind griff in die Tüte weiter nach unten. Es zog Äpfel hervor. Fleckige Äpfel. Aus dem Garten. Geerntet im letzten Oktober. Jetzt war April. Von den alten Apfelbäumen mit den braunen Flecken auf der Schale, die mit dem Messer herausgeschnitten wurden. Und Nüsse. Haselnüsse vom Haselnussstrauch im Garten. Die Nüsse klapperten schon, weil sie in den Schalen eingetrocknet waren. Und diese Äpfel und Nüsse hatte das Kind nun zur Schule und zurück geschleppt? Die musste es jeden Tag zu Hause essen. Und die Federtasche? Und die Hefte? Das hatte die Schulleitung den Eltern gesagt, dass sie dies für die Kinder kaufen sollten. Das war kein Geschenk, sondern das waren sozusagen Betriebsmittel.
Das Kind ging nachmittags zum Spielen auf die Straße. Andere Kinder, die gleichfalls am selben Tag eingeschult wurden, zeigten ihre Geschenke aus den Schultüten vor: Spielzeuge, kleine Puppen, Teddys, Tüten voller Bombons und Schokolade und Oblaten und, und. „Und was hast du?“ wurde das kleine Mädchen gefragt. „4 Rahmbonbons“. Und dann hatte das Kind noch ca 10 Äpfel zur Schule und zurück getragen. Mit Schuhe, die zu eng waren und drückten. Zwei Blasen hatte das Kind an den Füßen vom ersten Schulweg. In einem unbequemen, aber feinen Kleidchen. Mit der ziependen Frisur. Und die Wut der Mutter ertragen. Weil es versagt hatte.
Nein, Schule war vermutlich genau so ein Betrug wie diese Schultüte.