Das sechsjährige kleine Mädchen spürte die Anspannung ihrer Mutter. Heute fand der Schuleignungstest statt. Konnte das Kind eingeschult werden oder war es noch nicht „schulreif“?
Der Test fand im Zimmer des Rektors statt. Herr Heimers, so hieß der Schulrektor, bat Mutter und Tochter zu sich herein. Er legte dem Kind einige farbige Bilder vor und fragte, was sie darstellen. Die Antworten des Kindes kamen prompt und waren richtig. Dann folgten Fragen, wie das Kind heißt, mit Vornamen und Nachnamen und wo es wohnt. Auch diese Fragen konnte das Kind beantworten. Dann kam die Frage: „Wie heißt dein Vater mit Vornamen?“ Das Mädchen überlegte. Ihr Vater – in ihrem Haushalt wohnten Mutter, Vater und Großmutter. Der Vater ging morgens aus dem Haus, wenn das Kind noch schlief. Er kam abends zurück, wenn das Kind bald ins Bett musste. Am Wochenende arbeitete er auch sonnabends, kam erst am späten Nachmittag aus der Firma nach Hause. Nur sonntags war er da, aber auch dann erledigte er oft Arbeit für die Firma zu Hause. Der Vater war 10 Jahre älter als die Mutter. Deshalb nannte die Mutter ihn – wenn sie sich mit der Großmutter unterhielt – „der Alte“. Oder.. Mutter und Großmutter nannten ihn „Fiete“. Ein norddeutscher Ausdruck für „Fritz“ oder Friedrich. Aber das wusste das kleine Mädchen nicht. Niemals wurde zu Hause von „Fritz“ oder „Friedrich“ gesprochen. Nur „der Alte“ oder „Fiete“ wurde gesagt. Aber beide Bezeichnungen konnten nicht richtig sein.. Das spürte das kleine Mädchen.
Es schwieg. Mutter und Rektor ermunterten es zur Sprechen. Erfolglos. Der Rektor sagte der Mutter, man müsse von einem sechsjährigen Kind schon erwarten können, dass es weiß, wie sein Vater mit Vornamen heißt. Die Mutter stimmte zu und warf ihrer Tochter einen verärgerten Blick zu. Er wollte den Schultest so mal gelten lassen, meinte der Rektor. Trotz dieser nicht beantworteten Frage.
Zu Hause machte die Mutter ihrer Tochter Vorwürfe: „Wie kann man nur so dumm sein, den Namen des eigenen Vaters nicht wissen! Du weißt doch ganz genau, dass dein Vater Friedrich-Wilhelm heißt!“ Friedrich-Wilhelm??? Das Kind hörte diesen Namen zum ersten Mal in seinem Leben. „Der Alte“ oder „Fiete“ waren also Bezeichnungen für Friedrich-Wilhelm. „Wenn das so weiter geht mit dir, wirst du es in der Schule schwer haben!“. Mutter und Großmutter waren sich einig. Von dem Kind war nichts zu erwarten.
Das Leben war kompliziert und voller Fallstricke.
Anmerkung ein halbes Jahrhundert später: Das Kind hatte soziale Kompetenz bewiesen, als es spürte, dass weder „der Alte“ noch der Spitzname „Fiete“ richtig sein konnten. Es wollte seine Mutter auch nicht in Verlegenheit bringen und schwieg deshalb. Damit hatte es absolute Schulreife bewiesen, denn die Gedankengänge des Kindes gingen weit über das hinaus, was als reine Wissensabfrage gedacht war.