Das kleine Mädchen war 7 Jahre alt und ging in die zweite Klasse der Grundschule. Die Lehrerin gab den Kindern den Auftrag, am nächsten Tag eine Kartoffel und ein Kartoffelmesser von zu Hause mitzubringen. Mit den Messern sollten aus den Kartoffeln Stempel geschnitzt werden. Diese Stempel wurden dann mit Farbe angemalt und damit wurde Papier bedruckt.
Das Mädchen berichtete zu Hause Mutter und Großmutter von dem Vorhaben, und dass es am nächsten Tag ein Messer und eine Kartoffel mit zur Schule bringen sollte.
„Das ist ja unglaublich“, empörte sich die Mutter. „So kleine Kinder, das wird nicht gut gehen. Du wirst dich mit dem Messer schneiden!“ Nur widerwillig und unablässig schimpfend rückte sie ein Messer und eine Kartoffel heraus.
Als das kleine Mädchen am nächsten Morgen zur Schule ging, rief die Mutter: „Sei gefälligst vorsichtig!“ hinter ihm her.
Im Unterricht holten alle Kinder ihre Messer und Kartoffeln hervor und begannen nach Anweisung der Lehrerin die Kartoffeln erst einmal quer durch zu schneiden. Dann sollte ein Muster daraus geschnitzt werden als Stempel. Das brachte Spaß. Das kleine Mädchen war mit Eifer bei der Sache. Es musste plötzlich an die Mutter zu Hause denken.. „Du wirst dich schneiden!!“ Da geschah es. Das Messer rutschte ab. Das Mädchen schnitt sich tief in den linken Zeigefinger. Fast bis zum Knochen. Es blutete stark und tat schrecklich weh.
Das Kind meldete sich: „Ich hab mich geschnitten!“ Die Lehrerin rief es nach vorn. Sie besah sich den blutenden Zeigefinger. Die Lehrerin hatte kein Mitgefühl. Im Gegenteil. Sie schimpfte mit dem kleinen Mädchen. „Das kommt davon, wenn du nicht aufpasst und nicht bei der Sache bist!“ Das Kind hatte aufgepasst und war bei der Sache gewesen. Es hatte sich Trost erhofft und erwartet. Es bekam keinen Trost. Die Lehrerin schickte das Kind über den Schulhof zum Hausmeister. Der hätte Pflaster.
Der freundliche alte Hausmeister kümmerte sich voller Mitgefühl um das kleine Mädchen. Badete den blutenden Finger in Seifenwasser, trocknete den Finger und verband ihn. Zurück in der Klasse musste sich das Kind auf seinen Platz setzen und bis zum Ende der Stunde Rechenaufgaben lösen. Die Lehrerin trug eine 5- wegen „Ungeschicklichkeit und Unaufmerksamkeit“ ins Klassenbuch ein.
Zu Hause bekam die Mutter des Kindes einen Wutanfall. Sie hätte es ja vorher gewusst. Das dumme Gör kann doch kein Messer halten. Nicht zu fassen, was sich diese Lehrerinnen denken. Gar nichts vermutlich.
So hatte sich also die Prophezeihung der Mutter erfüllt.
Der Finger tat noch mehrere Wochen lang weh. Die Haut wuchs zusammen. Aber eine tiefe Narbe blieb, die noch heute – 50 Jahre später – bei Wetterwechsel schmerzt.