Das Mädchen war 8 Jahre alt. Der Schulunterricht war vorüber und die Kinder gingen nach Hause. Es war Juni, die Sonne schien. Der Schulweg des Kindes führte durch die stillen Straßen des spießig-bürgerlichen Stadtteils. Es waren kaum Menschen auf der Straße. Nur hinter dem Mädchen gingen noch zwei größere Jungen den gleichen Weg von der Schule nach Hause. Das Mädchen kannte sie nicht, sie mussten in eine höhere Klasse gehen, mindestens zwei Klassen über ihr. Sie kamen immer näher, das Mädchen hörte die Stimmen der Jungen hinter sich. Die Jungen waren herangekommen, überholten das kleine Mädchen aber nicht, sondern gingen plötzlich links und rechts neben ihm. Angst überfiel das Mädchen. Es blieb stehen. Einer der Jungen packte das Mädchen am Arm und begann es zu beschimpfen. Zu Tode erschrocken sah sich das Mädchen um. Niemand war sonst auf der Straße zu sehen. Kein Erwachsener und keine weiteren Kinder. Niemand war in den Gärten zu sehen. Menschenleer und still war alles. Keine Hilfe in Sicht. Der Junge wurde immer lauter, schrie das kleine Mädchen an. Der andere Junge stand dabei und lachte. Der Junge holte aus und schlug dem Kind ins Gesicht. Es schrie auf und wollte weglaufen. Aber es hatte keine Chance. Der Junge hielt es fest und schlug mit der Handkante gegen den Hals des Mädchens und trat mit dem Fuß gegen das Knie des Mädchens. Das kleine Mädchen schrie auf und taumelte rückwärts gegen ein geschlossenes Gartentor. Der Junge riß ab den Haaren des Mädchens und schrie es an. Er hatte ein Büschel hellblonde Haare in der Hand. Das kleine Mädchen war völlig erstarrt, es war einer Ohnmacht nahe. Endlich ließen die Jungen von ihm ab, entfernten sich lässigen Schrittes und bogen um die nächste Straßenecke.
Laut weinend stand das kleine Mädchen auf der Straße. Der Hals tat ihm weh und das Knie. Aber am schlimmsten war der seelische Schock. Das Kind war einem Zusammenbruch nahe. Es zitterte am ganzen Körper. Was hatte es diesen Jungen getan? Es kannte sie gar nicht. Wieso wurde es von denen regelrecht zusammen geschlagen? Warum, wieso? Warum half ihm niemand? Das Mädchen stand neben dem verschlossenen Gartentor, zitterte und weinte heftig. Die Vorstadt lag wie ausgestorben. Kein Mensch auf der Straße, es fuhren auch keine Autos vorüber, keine Leute in den Gärten.
Nach ca. 30-40 Minuten hatte sich das Mädchen soweit beruhigt, dass es sich auf den Heimweg machte. Die Augen vom Weinen verquollen. Das Knie hatte sich bläulich verfärbt. Ebenso der Hals, aber der wurde durch den Kragen des Kleidchens verdeckt. Es sah sich ständig ängstlich um, weil es befürchtete, dass die beiden gewalttätigen Jungen noch einmal zurückkommen konnten.
Endlich war das Mädchen zu Hause, hatte das Elternhaus erreicht. Jetzt würde alles gut werden. Mutter und Großmutter würden es trösten. Die Mutter würde zur Schule gehen und die beiden Jungen würden bestraft werden.
Das Mädchen klingelte an der Haustür. Die Haustür wurde augenblicklich aufgerissen. Die Mutter stand vor dem Mädchen. Mit zorngerötetem Gesicht. WIESO musste die Mutter so lange mit dem Essen warten? „Was denkst du dir eigentlich?!“ Da bemerkte die Mutter endlich den Zustand des Kindes. Die Augen vom Weinen verquollen, die Pferdeschwanzfrisur aufgelöst, die weißen Kniestrümpfe hingen herunter und waren von den Fußtritten verschmutzt, das Kleid hatte am Ärmel einen Riß. Jetzt, so dachte das Mädchen, würde der Trost kommen. Nichts kam. Statt dessen packte die Mutter das Kind und stieß es vor sich her in die Küche. Dort saß am Küchentisch schon die Großmutter und wartete. Mutter und Großmutter starrten das kleine Mädchen vorwurfsvoll an. Das Mädchen brach wieder ein Tränen aus und erzählte stockend, was ihm auf dem Heimweg passiert war. Kein Kommentar der Erwachsenen.
Schweigend wurde das Essen eingenommen. Salzkartoffeln mit gestobten grünen Bohnen. Vegetarisch. Wie immer. Das Mädchen brachte kaum einen Bissen herunter. Nun müsste die Mutter doch endlich mal umschalten und trösten. Nichts. Verdrossenes Schweigen. Plötzlich räusperte sich die Großmutter und begann darüber zu klagen, dass die Preise für holländischen Glouda beim Lebensmittelhändler schon wieder gestiegen seien. Aber.. dachte das kleine Mädchen.. war das alles? Kein Trost, natürlich auch keine Umarmung, kein Pflaster auf die Schrammen.. nichts. Nein, die Mutter ging nicht zur Schule und zeigte die beiden Schläger nicht an. Die Mutter, die sonst zu Hause immer herumschimpfte auf Lehrer, Nachbarn, Bekannte. Nein, auch die Großmutter bequemte sich nicht dazu, das seelisch zutiefst schockierte kleine Mädchen zu trösten. Ja, es gab einen Vater, der kam aber abends erst immer aus der Firma nach Hause, nachdem das Kind schon im Bett war. Das kleine Mädchen sah den fernen Vater eigentlich immer nur am Sonntag. Er sprach das Kind am Sonntag nicht auf die Schrammen und den großen blauen Fleck am Hals an. Auch nicht auf das fehlende Haarbüschel. Vermutlich sah er sein einziges Kind gar nicht richtig an. Vermutlich hatten Mutter und Großmutter auch nichts erzählt.
Wozu auch.
Das kleine Mädchen humpelte etwa 3 Wochen lang. Außerdem hatte es einen „steifen Hals“, d.h. es hatte sich vermutlich ein Schleudertrauma zugezogen, als es rückwärts gegen das Gartentor fiel. Die blauen Flecke am Hals verschwanden nach 14 Tagen. Die Haare wuchsen wieder nach. Der Hals und die Halswirbelsäule des Mädchens blieben für alle Zeiten ein Schwachpunkt und später musste es sich deshalb auch einer riskanten Operation an der Halswirbelsäule unterziehen. Möglicherweise eine Spätfolge das Handkantenschlages. Und seelisch – da war in dem Mädchen etwas zerbrochen. Für immer. Es sagte in der Schule nichts – es hatte Angst vor der Rache der großen Jungen.
Jahrzehnte später – jetzt war das kleine Mädchen eine erwachsene Frau – hat sie ihre Eltern einmal auf den damaligen Vorfall angesprochen, als es von völlig unbekannten großen Jungen ohne Grund auf offener Straße zusammengeschlagen worden war. Als die Mutter nur mit Wut wegen der Verspätung von 40 Minuten reagiert hatte. Der Vater war völlig ahnungslos. Die Mutter wollte oder konnte sich nicht daran erinnern. Es hatte keine Bedeutung gehabt. Kinder raufen sich halt mal – das ist nicht so tragisch.
Wie kalt und herzlos kann man nur als Eltern sein, fragte sich die Tochter. Aber sie sagte es nicht laut. Denn ihre Eltern waren damals schon alt und wurden senil. Ein wirkliches Gespräch war nicht mehr möglich. Der Zeitpunkt dafür war um Jahrzehnte verpasst worden.