Meine Mieter (das Ehepaar, was seit 10 Jahren in meinem Elternhaus wohnt) hatten meinen Mann und mich eingeladen zum Kaffeetrinken. Der Stadtteil – alles war mir noch sehr vertraut – nur die Vorgärten der gepflegten Stadthäuser und kleinen Villen erschienen mir kleiner als damals, als ich hier noch Kind war. Der Garten meines Elternhauses war gepflegt, Rosen blühten im Vorgarten. Im Garten hinter dem Haus stand ein langer, schön gedeckter Tisch. Mit einer grünen Tischdecke und einer weißen Überdecke mit Lochstickerei. Feines Porzellan. Romantisch. Wir saßen unter einem Apfelbaum. Unter dem Apfelbaum, unter dem ich als Kind gespielt hatte.
Ich hatte mir einen Platz mit dem Blick zum Haus ausgesucht. Mit dem Rücken zur Grundstücksgrenze. Ich schaute das Haus an. Hörte den Gesprächen zu. Sah mich bewusst nicht um zur Grundstücksgrenze. Dort hinten stand früher eine Gartenlaube. Vollgestellt mit Gießkannen, Harken, Besen, Gartenscheren und Hacken. Durch ein kleines Fensterchen fiel schummriges Licht.
Meine Gedanken flogen zurück über die Jahrzehnte hinweg.
Da war das kleine Mädchen. Kindergeburtstag im Sommer. Das Mädchen wollte auch einmal zu seinem Geburtstag Kinder einladen. Das durfte es nie. Andere Kinder luden zu ihren Geburtstagen immer Kinder ein. Es wurde fröhlich gefeiert mit lustigen Spielen und Kakao und Kuchen und Geschenken und Luftballons. Im Gegenzug lud man dann die anderen Kinder zu sich ein, wenn man selber Geburtstag hatte. Dieses System hatte das Mädchen begriffen. Nun nahte der eigene Geburtstag und das Mädchen wollte zwei andere kleine Mädchen aus der Schulklasse zu sich nach Hause einladen.
Nur.. die Mutter war nicht begeistert. Logisch. Sie war strickt dagegen, dass die Tochter jemals andere Kinder nach Hause brachte. Gespielt wurde auf der Straße oder bei den anderen Kindern. Niemals bei dem kleinen Mädchen zu Hause. Fremde Kinder durfen das Haus nicht betreten. Mutter, Vater und Großmutter mochten keine Kinder. Ein Problem waren allerdings diese lästigen Geburtstage und die erwarteten Gegeneinladungen. Die Mutter des Mädchens kam auf eine geniale Idee. Sie schenkte ihrer Tochter einen Besuch im Zirkus und lud die beiden Schulkameradinnen mit ein.
Die beiden Mädchen erschienen mit kleinen Geschenken für das Geburtagskind nachmittags gegen 15 Uhr. Sie wurden von der Mutter an der Gartenpforte abgefangen, die dort schon mit dem Geburtagskind im Garten stand und wartete. Die Mutter nahm die kleinen Geschenke an sich und brachte sie ins Haus. Das kleine Mädchen durfte die Geschenke nicht auswickeln und ansehen, man musste schnell zum Bus laufen und durch die halbe Stadt zum Zirkus fahren.
Zirkus, sagte sich das kleine Mädchen. Deshalb durfte es also nur zwei Kinder zum Geburtstag einladen und nicht fünf. Fünf Karten für fremde Kinder, das wäre der Mutter zu teuer geworden. Und wieso durften die beiden Mädchen nicht ins Haus, wieso musste das Mädchen an der Gartenpforte neben der Mutter abmarschbereit stehen und die Klassenkameradinnen dort abfangen? Wieso durfte das Mädchen die kleinen Geschenke noch nicht einmal auspacken? Sicher, es waren nur Kleinigkeiten, wie Papierbildchen oder ähnliches.. aber es waren immerhin Geschenke. Und nun also Zirkus, weil sich die Mutter wieder einmal mit dem Grundsatz durchsetzen musste: „Fremde Kinder kommen mir nicht ins Haus!“.
Das kleine Mädchen war deprimiert. Und wütend. Es beschloss, sich nicht über den unverhofften Zirkusbesuch zu freuen. Es zog die Mundwinkel herunter und auch der Clown konnte es nicht zum Lachen bringen. Es war ein Machtkampf zwischen Mutter und Tochter. Die Tochter hatte beschlossen, undankbar zu sein und sich demonstrativ nicht zu freuen. Die Mutter hatte beschlossen, das zu ignorieren. Die beiden anderen kleinen Mädchen freuten sich über die Zirkusvorstellung und lachten herzlich über den Clown. Und fanden es später selbstverständlich, dass sie nach der Heimfahrt an der Gartenpforte verabschiedet wurden, ohne das Haus betreten zu haben. Über den Zirkusbesuch wurde zu Hause kein Wort mehr verloren. Die Mutter fragte die Tochter auch nicht, wieso sie die ganze Zeit so traurig geguckt hatte, als wenn sie gleich in Tränen ausbrechen wollte. Nein, sie hatte sich vorgenommen, die Launen ihrer Tochter einfach zu ignorieren.
Ein Jahr später. Der Geburtstag nahte heran. Das Mädchen erinnerte sich noch lebhaft an den Zirkusbesuch. „Diesmal will ich keinen Zirkus und nicht irgendwohin fahren. Ich will andere Kinder zu mir nach Hause einladen. Wir wollen Kakao trinken und Kuchen essen. Wie andere Kinder das auch machen, wenn sie Geburtstag haben!“ Die Mutter guckte beleidigt. Allerhöchstens zwei Kinder durfte das kleine Mädchen einladen. Mehr nicht. „Ich will hier keinen Dreck im Haus und kein Getobe, ihr macht mir hier alles kaputt!“ Nun, immerhin zwei Kinder. Und mit nach Hause durften die. Sollten nicht am Gartentor abgefangen werden. Das Mädchen freute sich auf den Geburtstag.
Und dann war der Tag des Geburtstags da. Zwei Nachbarkinder standen vor der Gartenpforte, ein kleiner Junge und ein Mädchen. Das Geburtagskind war aufgeregt. Es stand in der Haustür. Die Mutter schüttelte den anderen Kindern die Hand uns sagte: „Kommt mit!“ Kommt mit??? Es war doch vereinbart, dass die Geburtagsfeier diesmal zu Hause stattfinden sollte.. Verwirrt sah das kleine Mädchen die Mutter an. Die drehte sich um und marschierte durch den Garten. Um das Haus herum in den Garten hinter dem Haus. Dort stand ganz hinten in der Ecke die schäbige kleine alte Laube. Eine bessere Hundehütte. Mit den Gartengeräten vollgestopft. Dorthin marschierte die Mutter.
In der kleinen engen Laube war ein winziger Tisch hineingequetscht worden. Der Tisch war gedeckt mit Bechern und Tellern. Kakao und Apfelkuchen gab es. Mutter, Tochter und die zwei Nachbarkinder konnten sich in der engen Laube kaum bewegen. Es war dämmrig und roch nach Düngern und Schädlingsbekämpfungsmittel. Die Nachbarkinder aßen ihr Stück Kuchen, tranken einen Becher Kakao und beantworteten artig die Fragen der Mutter. Ob sie gut in der Schule aufpassen und artig sind etc. Dem kleinen Mädchen war die Situation unendlich peinlich. Es verstummte wieder und musste sich zusammennehmen, um nicht in Tränen auszubrechen. Die Nachbarkinder spürten die Mißstimmung und schienen erleichtert, als sie nach ca. 45 Minuten die Laube verlassen und nach Hause laufen konnten.
Dem kleinen Mädchen war diese schreckliche „Geburtstagsfeier“ in der Laube ein unvergessliches Erlebnis. Es unternahm niemals wieder den Versuch, andere Kinder zu sich nach Hause einzuladen. Nicht zum Geburtstag und natürlich auch sonst nicht. Es wurde selbst auch nicht mehr zu anderen Kindergeburtstagen eingeladen – keine Einladung – keine Gegeneinladung. So waren die Regeln.
Und nun – 50 Jahre später – saß ich also im Garten meines Elternhauses mit dem Rücken zu der Gartenecke, wo damals die schreckliche schäbige Laube stand. Und die Sonne schien durch den alten Apfelbaum, die Vögel zwitscherten, Kaffee, Torte, feines Porzellan auf dem schön gedeckten langen Tisch, fröhliche Gesichter. Jetzt leben zwei liebe kleine Jungen in dem Haus. Längst abgerissen wurde die Laube. Sie existiert nicht mehr.
Nur noch die meine Erinnerungen.