Das einsame kleine Mädchen war etwa 10 Jahre alt. Es hatte keine Geschwister und die Erwachsenen sahen es nicht gern, wenn es andere Kinder mit nach Hause brachte. Das war faktisch verboten. Das Mädchen entdeckte eines Nachmittags in einer Pappschachtel im Wohnzimmer Fotos von seinen Eltern. Schöne Fotos. Es zeigte ein glückliches Paar, einen Soldaten in Uniform und eine mädchenhaft schlanke junge Frau in einem wunderschönen langen Brautkleid. Mit Schleier und Hochzeitsstrauß. Das waren Mutter und Vater nach der Trauung standen Sie auf der Straße. Verwandte rund um sie. Strahlende Gesichter.
Das kleine Mädchen betrachtete lange die Fotos von dem glückstrahlenden Paar. Es fühlte so etwas wie Stolz und Zuneigung, ja Liebe. Zärtliche Liebe und Stolz. So schön war ihre Mutter, so gut sah ihr Vater aus. Ein sehr gutaussehender Mann mit klar geschnittenen Gesichtszügen. So elegant war das lange weiße Brautkleid, was ihre Mutter trug. Das Mädchen beschloß, dies wunderbare Foto ihrer Schulfreundin zu zeigen. Es nahm das Foto vorsichtig aus der Pappschachtel und legte es zwischen die Seiten eines Schulbuches. Am nächsten Tag zeigt es in der Pause das Hochzeitsfoto ihrer Schulfreundin. Die Klassenkameradin war sehr interessiert und gemeinsam bewunderten sie das wunderschöne Kleid, die Brautfrisur, den langen weißen Schleier und den Brautstrauß. Dann steckte das kleine Mädchen das Foto wieder zwischen die Seiten des Schulbuches, damit es nicht zerknickt wurde.
Zu Hause gab es Mittagessen. Vegetarisch wie so oft. Danach wollte das kleine Mädchen Hausaufgaben machen. Es nahm ein Schulheft und ein Schulbuch und legte es auf den Tisch im Wohnzimmer. „Was ist das denn?!“ fragte plötzlich die Mutter. Das Hochzeitsfoto war aus dem Buch heraus gerutscht. „Stell dir vor“, erzählte aufgeregt das kleine Mädchen, „Regina fand dich ganz toll in dem Brautkleid, wunderschön!“ „Regina???“ fragte die Mutter. „Ja, ich habe das Foto mal mitgenommen und Regina gezeigt!“. Das kleine Mädchen schaute seine Mutter voller Liebe an. Eine solch schöne, chice elegante und einzigartige Mutter in solch einer Pracht von vielen Metern schneeweißem Stoff, das hatte ein anderes Mädchen. Blitzschnell holte die Mutter aus und schlug mit voller Kraft ins Gesicht des Kindes. Das Kind taumelte zurück, kam ins Stolpern und fiel zwischen Stuhl und Tischkante.
Fassungslos starrte das kleine Mädchen seine Mutter an. „Das ist MEIN Foto, WAGE es nicht, meine Sachen mit in deine Schule zu schleppen!“, brüllte die Mutter. Das kleine Mädchen schaltete ab. Tränen der Enttäuschung stiegen ihm in die Augen. Es hatte das Foto doch nur allein deshalb mitgenommen, weil es seine Mutter so liebte und so stolz auf die Mutter war. Und diese so geliebte Mutter schrie und brüllte und zeterte und geiferte immer noch, war hochrot im Gesicht.
Das kleine Mädchen hörte die Mutter schreien, verstand aber kein einziges Wort. Es drang nichts zu ihm durch. Etwas Furchtbares war offenbar geschehen. Was hatte es nur gemacht, welches Verbrechen hatte es begangen? Es hatte etwas gemacht, was dazu geführt hatte, dass seine Mutter es jetzt voller Verachtung und haßerfüllt anstarrte. Dann riß die Mutter das Foto an sich und verließ das Zimmer. Zog die Tür laut und nachdrücklich ins Schloß. Das kleine Mädchen hörte, wie die Mutter die Treppe hochstieg und in ein Wohnzimmer oben im Haus ging.
Das kleine Mädchen war fassungslos und zutiefst schockiert. Aus Stolz und Liebe hatte es das Foto seiner Freundin gezeigt. Stolz auf die Mutter, die eben ihre Tochter brutal und völlig unbeherrscht ins Gesicht geschlagen hatte und die minutenlang das Kind angebrüllt hatte.
In dem kleinen Mädchen war etwas zerbrochen. Es begriff langsam, dass seine vorbehaltlose große und vertrauensvolle Liebe zur Mutter offensichtlich auf weniger Gegenliebe stieß.
40 Jahre später. Das kleine Mädchen war inzwischen eine verheiratete, erwachsene Frau. Als die Mutter starb, erfüllte die Tochter einen Wunsch der Mutter. „Wenn ich einmal sterbe“, hatte die Mutter einmal gesagt, „dann möchte ich in meinem Hochzeitskleid beerdigt werden“. Die Tochter erfüllte den Wunsch. Die Mutter wurde in dem weißen Brautkleid in den Sarg gelegt und aufgebahrt. In einer Trauerhalle des Friedhofes nahm die Tochter in einem Trauerraum Abschied von der aufgebahrten Mutter. Die Tochter war mit der toten Mutter allein. Es waren keine Freunde, Bekannten, Verwandten und auch nicht Mann und Vater mit zum Abschiednehmen ein paar Tage vor der eigentlichen Trauerfeier im Krematorium gekommen. Offenbar wolle niemand die Mutter noch einmal sehen und Abschied nehmen, obwohl der Tod so plötzlich gekommen war, dass man sich nicht voneinander verabschieden konnte. Der Beerdigungsunternehmer wartete hinter verschlossenen Türen auf dem Flur. Die Tochter war mit der Mutter allein. Mit der toten Mutter. Da lag sie nun aufgebahrt bei Kerzenschein und in ihrem Hochzeitskleid, wie sie es sich gewünscht hatte.
Die Tochter zog einen Fotoapparat aus der Handtasche und machte ein Foto von der toten Mutter im Hochzeitskleid. Die Braut auf dem Totenbett.