Ich leide unter Dyskalkulie. Das ist so etwas wie Legasthenie. Nur, dass sich Dyskalkulie auf die Unfähigkeit zu Rechnen bezieht. Es ist, als wenn etwas im Gehirn fehlt. Um die Zahlen 7 und 8 zusammenzuzählen, muss ich komplizierte Überlegungen anstellen oder die Finger meiner Hände dazu nehmen. Sachen wie Prozentrechnung oder Dreisatz habe ich nie begriffen. D.h. ich habe es kurzfristig begriffen – für 14 Tage – und dann wieder vergessen. Telefonnummern kann ich mir nur unter ganz großen Anstrengungen merken, ebenso die Geheimnummern meiner EC-Karten. Da muss ich umständliche Überlegungen anstellen und häufig verwechsel ich die Geheimnummern – was zu misstrauischen Blicken von Tankwarten führt, wenn ich mal wieder eine falsche Nummer eingetippt habe und hinter mir an der Kasse eine Schlange wartet.
In der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt es:
„Diese Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, Trigonometrie, Geometrie oder Differential- und Integralrechnung benötigt werden“. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie schreibt: „Kindern, die eine Rechenstörung haben, gelingt es nicht, die arithmetischen Grundlagen, die für das erfolgreiche Weiterlernen im Fach Mathematik notwendig sind, zu erwerben. Sie haben die Mathematik von Schulbeginn an grundsätzlich (grundlegend) missverstanden. Ein Scheitern im Grundschulbereich ist vorprogrammiert.“
„Ein Scheitern im Grundschulbereich ist vorprogrammiert..“ Genau so war es. Meine Schulzeit war eine einzige Schülertragödie.
In meiner Grundschulzeit begann die Tragödie. Ich begriff faktisch nichts, was mit Rechnen zu tun hatte. Nur mein gutes Gedächtnis verhinderte anfangs größere Katastrophen. Das kleine Einmaleins lernte ich auswendig. Beim großen Einmaleins ging das nicht mehr, da musste man addieren. Zum Beispiel 16 x 18 sind nach dem Taschenrechner 288. Ich hatte 148 raus. Ich rechnete 10 mal 10 sind 100. Und 6 mal 8 sind.. 10 mal 8 sind 80, die Hälfte ist 40 und 1 mal 8 dazu sind 48. 100 und 48 sind 148. Also sind 16 mal 18 = 148. Das ist aber falsch. Wieso das falsch ist, habe ich nicht begriffen.
Ab der 2. und 3. Klasse erhielt ich bei Mathematik-Klassenarbeiten nur noch Noten zwischen 5 und 6. Das hatte zur Folge, dass meine Eltern zu Hause von mir enttäuscht waren. Das hatte jedoch nicht zur Folge, dass meine Mutter mit mir zu Hause Mathematik übte. Sie kümmerte sich grundsätzlich nicht um meine Hausaufgaben. Es interessierte sie nicht wirklich. Sie fragte zwar, ob ich meine Hausaufgaben gemacht hätte, kontrollierte jedoch niemals das Ergebnis. Hatte ich die Aufgeben gemacht und alles war – wie so oft – falsch, das interessierte meine Mutter nicht. Dafür war die Schule zuständig, nicht sie. Zweimal im Jahr gab es Zeugnisse – einmal im Herbst und einmal im Frühjahr. Zweimal im Jahr musste ich mit Wut, Zorn, Unverständnis und Verachtung – abgrundtiefe Verachtung meiner Eltern und meiner Großmutter erleben und ertragen.
Ich war faktisch nicht mehr ihre Tochter aufgrund meiner schlechten Noten im Fach Mathematik.
Einmal betrat meine Mutter mein Kinderzimmer, während ich gerade Hausaufgaben machte. Sie beobachtete mich schweigend. Sie machte mich nervös. Ich fühlte ihre Blicke. „In der Familie deines Vaters haben mal ein Cousin und eine Cousine geheiratet. Das ist schlechte Erbmasse und das merkt man!“ Die „schlechte Erbmasse väterlicherseits“ schlug da also durch?? Ich war verwirrt. Schlechte Erbmasse? „Die Nazis haben Geistesschwache früher vergast..“ Ich glaubte es nicht. Meine eigene Mutter redete von „Vergasung?“ Aber sie meinte doch nicht etwas mich, ihre eigene Tochter? Meine Mutter trat seitlich neben mich: „Deine Kopfform!“ Meine Kopfform ist ganz normal. Nur – ich habe leider keinen schönen runden „musikalischen“ Hinterkopf – sondern eher eine hohe, steile Kopfform. Meine Mutter zischte: „Dein Vater hat auch so eine abgeflacht Stelle am Hinterkopf – da fehlt ein Teil des Gehirns!“. Sie drehte sich um und rauschte aus dem Zimmer. Sie hatte mir gerade zu verstehen gegeben, man hätte so etwas wie mich früher vergast. Umgebracht. Unwertes Leben. War das eine Drohung? Würde mich meine eigene Mutter lieber tot sehen? Oh Gott.
In der 4. Klasse wurden über die Hälfte der Kinder ins Gymnasium überstellt. Ich natürlich nicht. Ich blieb auf der sogenannten „Volksschule“. Aber nicht nur das, ich blieb auch sitzen. Ich musste die 4. Klasse wiederholen – wegen meiner schlechten Noten in Mathematik. Es wurde nicht anerkannt, dass ich in fast allen anderen Fächern nur gute bis sehr gute Noten hatte. Das kompensierte meine Mathematikschwäche nicht. Nach Ansicht der Lehrerin und nach Ansicht des Rektors. Heute weiß ich, dass das mir gegenüber ein Unrecht war. Meine Eltern hätten gegen die Nichtversetzung Widerspruch beim Schulamt einlegen können. Haben sie aber nicht. Sie hatten mich abgeschrieben. Und wie das bei Kindern mit Rechenschwäche so ist, Wiederholen und Üben nützt überhaupt nichts. Der Mathematik – Lernstoff wird auch in der Wiederholung nicht begriffen.
Ich musste also die 4. Klasse wiederholen. Das bedeutete, dass ich in Mathematik nach wie vor nichts begriff, denn der Unterricht war nicht auf eine Förderung von lernschwachen Kindern abgestimmt. Der Unterricht richtete sich an den Kindern aus, die für das Überwechseln auf das Gymnasium vorgesehen waren. Wer im Unterricht nicht mitkam, der hatte eben Pech gehabt und sollte sich gefälligst anstrengen. Ich begriff die ganzen Rechenarten nicht. Niemand half mir. Niemand erklärte mir etwas. Meine Eltern hatten sich von mir enttäuscht abgewendet. Meinen Vater konnte ich auch nicht fragen, der kam abends immer erst spät aus seiner Firma, dann war es schon dunkel und ich lag schon im Bett. Fragte ich ihn am Wochenende, bekam er Wutanfälle. Ich soll gefälligst in der Schule zuhören, dann geht das auch. Meine Mutter konnte ich auch nicht fragen, sie verlor sofort die Geduld und brüllte mich an oder schlug mich ins Gesicht. Meine Großmutter grinste nur hämisch. Sie hätte früher kein Problem mit der Schule gehabt „Zu meiner Zeit gab es sowas nicht..“.
Die Schülertragödie sah dann so aus, dass ich in der 4. Klasse in allen mathematischen Fächern ein Totalausfall war – und dass ich mich in allen übrigen Fächern gewaltig langweilte. Den gesamten Lehrstoff hatte ich ja bereits erarbeitet – es war nichts Neues. Wozu mich im Unterricht melden, der fand ja doch nur für meine Klassenkameraden statt, die das Thema noch nicht hatten. Ich schaltete innerlich ab, träumte vor mich hin. Versank in eine Fantasiewelt. Das Ergebnis: Das Zeugnis am Ende der wiederholten 4. Klasse war so schlecht wie noch nie. Da ich im Unterricht nicht mitkam (Mathe) oder mitarbeitete (übrige Fächer), erhielt ich nur Noten zwischen 4 und 6. Die Lehrerin bestellte meine Mutter zu sich. Sie würde für mich eine Hilfsschule empfehlen. Keinerlei Ursachenforschung, keinerlei Angebot von Förderung. Loswerden wollte sie mich – schleunigst.
Den Übergang in eine Hilfsschule??? Nicht einmal ein Volksschul-Abschluss würde ich machen können? Was sollte dann aus mir später werden? Putzfrau? Fabrikarbeiterin?
Ich hatte versagt – auf der ganzen Linie. Meine Lehrer und Eltern empfanden mich nur als Belastung. Es wäre wohl das Beste, wenn ich gar nicht mehr auf der Welt wäre.
Ich bin froh, dass Dyskalkulie heute neben Legasthenie als Lernschwäche anerkannt ist und dass es vielfältige Förderprogramme für diese Kinder gibt und Lernstrategien entwickelt werden. Während meiner Schulzeit war das leider nicht so. Bei Schülern mit Dyskalkulie war eine Schülertragödie vorgezeichnet.
Hier einige Informationen zur Rechenschwäche aus meiner beruflichen Praxis und weitere daraus folgende Überlegungen:
Was ist Rechenschwäche? Was ist sie nicht?
Rechenschwäche ist der Zustand, in den Kinder nach und nach geraten, wenn sie mit ihrem vorschulischen Wissen und Verständnis für Zahlen auf einen Unterricht treffen, den sie nicht verstehen.
In der Grundschule werden Kinder mit ungenügendem Grundwissen oft mit Anforderungen konfrontiert, denen sie bereits anfangs und auch im weiteren Fortgang der Schulzeit nicht gewachsen sind. Die Kinder versuchen mit Regeln lernen, Technik üben und auswendig lernen verzweifelt die geforderten Leistungen zu erbringen.
Solche „Defizite“ der Kinder werden leider meistens als „intellektueller Mangel“ der jeweiligen Individuen betrachtet, weshalb Förderunterricht in der Regel nicht am tatsächlichen individuellen Lernstand der Kinder anknüpft. Die bereits bestehende Überforderung wird durch weiteres Üben von unverstandenem Stoff perpetuiert. Am Ende der Grundschulzeit weiß niemand mehr so recht, wie es dazu kommen konnte – nur die Rechenschwäche ist nun zum „Merkmal des Kindes“ geworden.
Wie wird Rechenschwäche festgestellt? Wie geht das nicht?
Die individuelle Rechenschwäche wird in einem ausführlichen diagnostischen Arbeitsgespräch mit dem betroffenen Kind untersucht. Entscheidend ist, dass der Diagnostiker in der Arbeit mit dem Kind, dessen individuelle Vorstellungen, Irrtümer, Fehler und auch richtigen Ansätze seines mathematischen Denkens so thematisiert, dass es möglich wird diese Gedanken offenzulegen. Die Ergebnisse der Untersuchung ermöglichen es dem versierten Diagnostiker, alle die Gedanken des Kindes über Mengen, Zahlen und Rechnen in der Elternberatung und in einer schriftlichen Zusammenfassung verständlich zu präsentieren. Eltern, LehrerInnen und/oder andere Fachleute sollen in der Folge das mathematische Denken des Kindes nachvollziehen und anschließend die richtigen Maßnahmen in die Wege leiten können, um dem Kind zu helfen.
Intelligenztests mögen vielleicht amtlichen Bedürfnissen und Richtlinien entsprechen, lassen jedoch keine Schlußfolgerungen auf konkrete Hilfen für rechenschwache Kinder zu.
Wie wird Rechenschwäche in der Schule bemerkt bzw. wie wird damit umgegangen? Was ist falsche Förderung oder Therapie?
In der Schule wird Rechenschwäche daran bemerkt, dass Kinder gängige mathematische Anforderungen nicht erfüllen können, wobei der LehrerIn in der Regel aufgefallen ist, dass entscheidende Grundbegriffe fehlen. Üblicherweise führt dies dazu, dass Eltern aufgefordert werden mit den Kindern intensiver zu üben. Bestenfalls wird (in Rheinland-Pfalz) der „Fördererlaß“ (von 1993) angewendet, der besagt, dass Kinder aus dem klassenniveaubezogenen Anforderungen in Mathematik herausgenommen werden und in Fördergruppen unterrichtet werden, sofern dafür Personal bereitsteht. Führt das nicht zu den gewünschten Fortschritten, kann ein sonderpädagogisches Gutachten vorgeschlagen oder angeordnet werden.
Schulisches Mittel bei Rechenschwierigkeiten – auch bei Schulen, die eigene Förderung anbieten – sind leider allzu oft unspezifische Übungen, Rechnen mit Anschauungsmaterial, Auswendiglernen, Techniken aneignen. So bleiben Grundbegriffe und Voraussetzungen des mathematischen Denkens aus dem Förderunterricht ausgeschlossen. Wissensbereiche wie Mengenbildung, Mengenauffassung, Anzahlvergleiche, Unterschiedsbestimmungen, Zahlzerlegungen usw. bleiben dem zufälligen Entstehen von abstrakten Einsichten während diesbezüglicher Übungen überlassen. Eine Förderung ohne vorherige individuelle förderdiagnostische Untersuchung kann aber nicht zu einer gezielten individuellen Förderung führen. Gleiches gilt für die Rechenschwächetherapie! Auch ausgeklügelte therapeutische Konzepte führen zu nichts, wenn sie nicht das Primat der mathematischen Lernstandsdiagnostik beachten!
Wie sollte innerhalb und außerhalb der Schule mit Rechenschwäche umgegangen werden? Welche Möglichkeiten hat die Schule wirklich? Was sollten Eltern beachten?
Durch eine individuelle mathematische Lernstandsdiagnostik sollte geklärt werden, wie das Kind mathematisch verfasst ist. In individueller Förderung sollten die diagnostisch erkannten fehlenden Grundlagen neu aufgebaut werden. Dabei sollte dementsprechend bei Verdacht auf Rechenschwäche die LehrerIn die Anforderungen an das Kind in allen mathematisch relevanten Lernbereichen heruntersetzen oder vorübergehend ganz aussetzen. Bewertungen sollen parallel dazu ebenfalls ausgesetzt werden. Eine spätere Integration in den Mathematikunterricht ist von dem erreichten Wissensstand abhängig zu machen.
Die rheinland-pfälzischen Schulgesetze bieten zumindest formal die Möglichkeit all dies umzusetzen. Was nicht verboten ist, ist erlaubt – auch in der weiterführenden Schule! Jede formaljuristische Argumentation hat sich einer belegbaren pädagogischen Argumentation im Interesse der einzelnen Kinder unterzuordnen und anzupassen. Grenzen für gezielte mathematische Förderung sind in der Ausbildung der LehrerInnen und den zur Verfügung stehenden zeitlichen Kontingenten zu sehen.
Eltern sollten mit rechenschwachen Kindern keine Hausaufgaben machen. Sie sollten in der Zusammenarbeit mit der Schule die Interessen ihres Kindes vertreten und nicht Druck auf das Kind ausüben.
Zum Rassismus des Schulsystems (am Beispiel Mathe wird dies besonders deutlich):
Für das System Schule kommt es darauf an, dass sich bei den Kindern Unterschiede einstellen. Dass die Schule selbst dafür verantwortlich ist, dass diese Unterschiede hergestellt werden – durch Noten, durch Disziplinierung, durch Er- und Entmutigungen, durch Nichtlehre, durch Falschlehre, durch Schaffung von Leistungsbedingungen und Leistungsstress, und nicht zuletzt durch die vielgerühmte Gleichbehandlung (=Gerechtigkeit) von verschieden verfassten Kindern mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und Bedürfnissen – will normalerweise kein Lehrer wahr haben oder zugeben. Die Resultate der schulischen Auslese werden in einen Naturgrund verfabelt: Begabung! Dies ist ein lupenreiner Rassismus, bei dem am Ende jedes Kind an seinem Elend selbst schuld war – und sei es nur als armes Dummchen, dass es nun mal ist – aber niemals die Lehrerschaft (ihr Beruf), ihre Vorgehensweisen, die Auslese der Schule oder die staatliche Bildungspolitik. Förderung hat in diesem System eine Alibifunktion. Idealistische Leherer werden dann auch noch dafür verheizt, denn ohne Überstunden und ewiges Anrennen gegen die Alltagsroutine, kann in einer normalen Schule noch nicht einmal der Schein erweckt werden eine vernünftige und wirksame individuelle Förderung könnte hier vielleicht stattfinden. Die Ignoranz gegenüber Förder-§§, Fördererlassen und Ausnahmeregelungen für Kinder mit Lernschwierigkeiten belegt nur noch einmal, worauf es im Auslesesystem Schule wirklich ankommt: Konkurrenz und eine sich daraus ergebende Hierarchie, die für die weitere Verwendung der Abgänger in Staat und Wirtschaft ein anerkanntes „Gütesiegel“ darstellt. Davon haben vor allem die Verlierer dieser Konkurrenz erstmal den Schaden. Die anderen haben natürlich dann auch keine Grantie für nix! Weder dafür Erfolg „im Leben“ zu haben, noch dafür überhaupt etwas vernünftiges oder auch nur nützliches gelernt zu haben.
Gruß Fred