Feeds:
Artikel
Kommentare

Ich hatte eine Rechenschwäche, heute spricht man von Dyskalulie,  sie überdeckte meine gesamte Schulzeit mit dem Makel des Scheiterns. Ich konnte keine weiterführende Schule besuchen, obwohl ich nach meinen Leistungen in anderen Fächern ohne weiteres das Gymnasium erfolgreich mit einem guten Abitur abgeschlossen hätte. Das ist keine vage Vermutung, sondern wird durch meinen späteren Lebensweg belegt. Ich habe später über den sogenannten 2. Bildungsweg doch noch studiert – und das Studium an der Universität herausragend guten Leistungen abgeschlossen. Fächerdurchschnitt 1,1.  Ich erhielt sogar Hochbegabtenförderung der Bundesrepublik Deutschland. Und das bei einer Studentin, die man als Kind in die Sonderschule (damals „Hilfsschule“ genant) abschieben wollte.

Es zeigt das völlige Versagen des damaligen Schulsystems. Ein skandalöses Versagen. Meine späteren Leistungen im Studium waren mit großer Sicherheit besser, als die Leistungen meiner damaligen Lehrer während ihres Studiums. Das sage ich mir heute – aber es ist nur ein schwacher Trost. Das Versagen meiner damaligen Lehrer überschnitt sich mit dem völligen Versagen meiner Eltern. Anstatt zu ihrer Tochter zu halten, sie zu fördern und liebevoll zu unterstützen, anstatt sie zu motivieren und zu ermutigen wandten sich meine Eltern von mir ab und distanzierten sich von mir. Ignorierten mich – mein Vater sprach beispielsweise einmal ein ganzes Jahr kein Wort mit mir – oder zeigten mir auf vielfältige Weisen, dass sie mich als Versagerin, als Zumutung und Belastung empfanden. Es gipfelte eigentlich in der unglaublichen Bemerkung meiner Mutter, dass man so etwas wie mich (gemeint war eine Tochter mit Rechenschäche = Dyskalkulie) früher bei den Nazis „vergast“ hätte. Ich habe Jahrzehnte lang nicht mehr an diese Bemerkung meiner Mutter gedacht – weil ich sie gut verdrängt hatte. Damals hatte ich noch liebevoll gedacht, Mutter meint es ja nicht so. Sie meint ja nicht mich.. sie KANN doch nicht mich meinen, ihre eigene Tochter, ihr einziges Kind. Da war ich mir ganz sicher. Mütter lieben doch ihre Kinder. Das ist ein Naturgesetz. Und dem kann so etwas wie Totalversagen im Fach Mathematik nichts anhaben.

Kann es doch. Heute weiß ich aus Aufzeichnungen, die ich im Nachlass meiner Mutter gefunden habe, dass meine Mutter  sich innerlich von mir abwandte, als ich in der Schule „versagte“.  Und nicht nur das. Meine Existenz war ihr peinlich. Wenn ihre Freundinnen von den Erfolgen ihres einzigartigen Nachwuchses sprachen, verstummte meine Mutter. Von mir gab es nichts zu berichten. Nur schulische Katastrophen. Rückblickend denke ich, dass sich meine Mutter wünschte, ich wäre überhaupt nicht geboren worden. Vielleicht wünschte sie sich unbewusst auch, ich würde aus ihrem Leben verschwinden. Sie fühlte sich von der Situation überfordert und von ihrem Mann allein gelassen. 

Aber ich will weiter von meinem schulischen Weg erzählen. Die 4. Klasse musste ich wiederholen. Ich versagte auch jetzt in den mathematischen Fächern. Das war völlig logisch, denn ich hatte die Grundrechenarten ja schon nicht begriffen, die in der 2. und 3. Klasse gelehrt worden waren. Ich erhielt keinerlei Förderung. War ganz auf mich gestellt. Weder Förderung in der Schule noch Förderung durch meine Eltern – noch Förderung in Form von Nachhilfeunterricht. Ich übte stundenlang zu Hause Rechnen – während andere Kinder draußen spielten. Ich hatte bizarre Ergebnisse – die alle falsch waren. Die Rechengänge hatte ich vergessen – und konnte sie auch nicht in den Schulbüchern der 2. und 3. Klasse nachlesen, denn diese Schulbücher mussten wir nach dem Schuljahr wieder abgeben. Heute weiß ich, dass Menschen mit Dyskalkulie häufig Rechenvorgänge – Arbeitsschritte – vergessen.  Wie ich in meinem Beitrag „Dyskalkulie – eine Schülertragödie“ schon schrieb, schaltete ich in der Wiederholungsklasse später völlig ab.

Ich war im Klassenverband „die Sitzenbleiberin“. Die Kinder in der Klasse bereiteten sich wieder auf den Übergang ins Gymnasium vor. Die Klassenlehrerin beschäftigte sich mit den Kindern intensiv, „die es im Leben mal zu etwas bringen werden“. Bei 35 Kindern in der Klasse kann ich ihr heute rückblickend keinen Vorwurf machen. Wer im Unterrichtsstoff nicht mitkam, hatte selber Schuld und war faul. In den anderen Schulfächern wurde wiederholt, was ich im Schuljahr davor schon einmal gelernt hatte. Das kannte und das wusste ich. Also brachte sie es den anderen Kindern bei, nicht mir. Ich langweilte mich gewaltig. Schaltete innerlich ab. Meldete mich nicht. Wozu auch. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass mich die Lehrerin sowieso nicht aufrief, wenn ich mich meldete. Sie rief „ihre“ Schüler auf, die sie für den Übergang ins Gymnasium fit machen wollte,  und nicht „die Sitzenbleiberin“.  Womit sollte ich mir Anerkennung im Klassenverband verschaffen? Es war aussichtslos. „Pass bloß auf, dass ich nicht dafür sorge, dass du auf die Hilfsschule versetzt wirst!“, giftete mich die Klassenlehrerin eines Tages an, als ich während ihres Unterrichts aus dem Fenster gestarrt hatte, statt auf die Tafel.

In der 5. Klasse endlich nahte die Rettung – es wurde eine neue Schule gebaut. Und die suchte Schüler. Ich wohnte nicht weit von dieser neuen Schule entfernt – und ich ergriff diese Chance. Eine neue Schule, ein neuer Versuch, eine neue Chance aus einer festgefahrenen Situation. Ich überredete meine Eltern dazu, mich in der neuen Schule anzumelden. Das 5. Schuljahr begann für mich in einer nagelneuen Schule. Alles war frisch und neu, die Klassen waren kleiner, wir waren plötzlich statt mit 35 nur noch mit 24 Schülern in einer Klasse. Niemand wusste von meinem Schulversagen in der Vergangenheit. Dachte ich.

Doch das war ein Irrtum. Der Klassenlehrer war auch unser Mathematiklehrer. Und Mathematik war seine große Leidenschaft. Er stufte mich innerhalb  einer Woche als Kind mit Rechenschwäche ein. Allerdings erkannte er meine sehr guten Leistungen in anderen Fächern an, das war neu für mich. Dort gab er mir gute und sehr gute Noten. Nur in seinen Lieblingsfächern lies er mich als traurigen und hoffnungslosen Fall links liegen. In der 6. Klasse der Volksschule gab es wieder die Chance auf den Übergang in eine weiterführende Schule. Jetzt konnte man in die Realschule überwechseln. Natürlich galt das nicht für mich. Mit einer 1 in Deutsch und einer 6 in Rechnen geht so etwas nicht. Ich machte wieder den Run auf die weiterführende Schule mit. Leistungskurse Mathematik wurden eröffnet. Förderunterricht für Kinder mit Rechenschwäche gab es natürlich nicht. Der Lehrer traf sich nach dem Unterricht mit einer Gruppe seiner Lieblingsschüler und sie rechneten komplizierte Aufgaben – „Mathematik macht Spass“ hieß ein Heft, womit sie rechneten. Ich habe den Titel als Hohn empfunden. Mathematik machte keinen Spass. Mathematik zerstörte mein Schülerleben.

Ich sah meinen Weg vorgezeichnet. Ein schlechter Volksschulabschluss (man sagte damals „Volksschule“ und nicht Hauptschule) – und dann ein ungeliebter Beruf. Welchen Beruf könnte ich ergreifen – alle interessanten und spannenden Berufe setzten Abitur und Studium voraus – aussichtslos für eine Schülerin mit Dyskalkulie.

« Neuere Artikel - Ältere Artikel »